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In Nuku’alofa haben wir fast nur auf das passende Wetterfenster gewartet. Einen Tag haben wir noch in der Stadt verbracht und da war soeben eine Art Street Parade im Gange. Die Leute vom Customs feierten und/oder bestreikten irgendetwas sehr ausgelassen. Wir haben es nicht genau herausgefunden. Den Königspalast haben wir auch gesehen – ansonsten ist Nuku’alofa ein sehr beschauliches Städtchen. Einzige Besonderheit: Jeden Abend gab es mehrere kleine Feuerwerke im Ort – wieso auch immer. Der Skipper witzelte am ersten Abend noch, die Raketensalven seien vielleicht weil der König grad seine Königin ‘gepudert’ hätte 😉 Aber so oft schafft das dann auch ein sehr potenter 20-jähriger nicht – und der König ist immerhin dieses Jahr 60 geworden.

Ansonsten gab es unter den Seglern nur ein Thema: Wetter, Wetter und nochmal Wetter! Ständig wurde wieder ein guter Starttermin von einem Boot verkündet, welches dann doch nicht losfuhr, oder andere Schiffe erklärten: ‘sie starten bei dem Wetter auf keinen Fall’ und am nächsten Tag waren sie weg. Es zeigt eigentlich deutlich, wie unsicher jeder diesbezüglich der letzten Strecke nach Neuseeland war. Die acht bis zehn Tage Fahrt sind für eine Wettervorhersage zu lang und zudem kommt eigentlich garantiert ein Tief innerhalb dieses Zeitraumes auf dem Weg vorbei. Wir hatten bereits in Tahiti mit Susanne und Jost von der SERENITY abgemacht, dass wir diese letzte Strecke der Saison zusammenfahren wollen. Sie hatten in Tonga Freundschaft mit Carola und Martin von der LANI geschlossen und so waren wir mit KISU drei Schiffe, die den Weg nach Neuseeland zusammen antraten.

Am Mittwoch dem 23. Oktober morgens um 09:00 Uhr holten wir den Anker vor ‘Big Mamas Island’ problemlos aus dem Sand und los ging es Richtung Süden. Der erste Tag war ein regelrechter Bilderbuchsegeltag mit wenig Wellen und moderaten Windverhältnissen und so gestalteten sich die ersten Segeltage für die Bordfrau als sehr erträglich.

Kaum gestartet, näherten wir uns am Freitagnachmittag den Minerva-Reefs. Wir hatten es uns offengelassen, ob wir dort stoppen würden oder nicht. Da uns das Wetter für die Weiterfahrt jedoch nicht gut genug erschien, wollten wir hier einen Halt einlegen. Weit und breit war nur der blaue Pazifik zu sehen, jedoch ein paar Meilen voraus sahen wir weisse Schaumkonen. Das wird dann wohl unser Ziel sein: das nördliche Minerva Riff. Wir fuhren durch die Passeinfahrt des Atolls mit seiner leicht elliptischen Form und einem Durchmesser von etwa 5km und ankerten auf 8m Tiefe vor der östlichen Riffkante. Dies war wohl einer der ungewöhnlichsten Orte, an dem wir bisher unseren Anker geworfen hatten 😊 Um uns herum sahen wir nur blaues Wasser, das zum Riff hin heller wurde und Schaumkronen, dort wo die Wellen sich an den Korallen brachen. Aber weit und breit war kein Land zu erblicken. Komplett überspült ist es allerdings nur bei Hochwasser. Bei Niedrigwasser schauen ein paar Zentimeter Brachland aus dem Wasser.
Da lagen wir nun zusammen mit ca. 20 weiteren Segelschiffen und wieder war das einzige Thema: wie wird das Wetter. Und so holte uns jeden Morgen Susanne und Jost mit ihrem Dinghy ab und zusammen wurde auf der LANI beratschlagt, ob und wann das Wetter die Weiterfahrt zulassen würde. Als wir uns am Sonntag entschieden, am Montag die Weiterfahrt in Angriff zu nehmen, kursierten im Ankerfeld schon diverseste Wettermeinungen für den Montag von ‘gut’ über ‘nicht einfach’ bis hin zu ‘unmöglich’.

Wir liessen uns jedoch nicht beirren, sowie noch zwei drei andere Schiffe auch nicht und am 28. Oktober um 14:00 Uhr war unsere Aufbruch zur zweiten Hälfte der Überfahrt nach Neuseeland. Der Start bescherte uns genug Wind und Wellen, welche stetig etwas zunahmen, aber dafür eilte KISU ihrem Ziel buchstäblich entgegen. Allerdings heisst schnell halt auch unbequem und in der dritten Nacht erlebten wir unser erstes Gewitter auf See. Der Skipper warf geistesgegenwärtig GPS und Handys flott in den Backofen (faradayscher Käfig), noch schnell das kleinste Reff in die Segel eingebunden und dann hiess es ausharren. Abgesehen davon, dass das Grosssegel sich teilweise in seine Einzelfäden auflöste und ab da nicht mehr verwendet werden konnte überstanden wir das Gewitter bestens. Aber beängstigend war es zumindest für die Bordfrau schon ☹ Auch ohne unser Grosssegel konnten wir den Speed von LANI und SERENITY einzig mit unsere Genua mithalten. Dies brachte uns den augenzwinkernden Beinamen ‘Performance’ ein.
Unser Plan war es, den 27. Grad Süd anzusteuern und von da an solange der Wind mitmachte ab Richtung Westen. So hofften wir den Trog (ein ausgedehntes Gebiet relativ geringen atmosphärischen Luftdrucks) mit sehr heftigen Winden umfahren zu können, sowie nahe genug bis zu unserem Ziel zu segeln damit der mitgeführte Diesel ausreichen würde. Und siehe da – es klappte (hinterher haben wir erfahren, dass sich die im Minerva-Riff verbliebenen Schiffe grosse Sorgen um uns gemacht hatten, weil sie uns über Funk nicht erreichen konnten und von anderen Schiffen wiederum über Funk vernahmen, dass der direkte Weg durch den Trog nach Süden es in sich gehabt hatte). Nach dem Wind kam dann natürlich die grosse Flaute. Und Flaute heisst: kein Wind = keine Welle und das gefiel wiederum der Bordfrau 😊 Das Leben an Bord war plötzlich ruhiger als an manchen Ankerplätzen der vergangenen Saison und Höhepunkt, dank des wirklich Stillen Ozeans, war die Übergabe von vier Flaschen Wein, drei Fläschchen Rum und drei Bier (die waren für den Skipper) während der Fahrt von der SERENITY an KISU. Susanne und Jost hatten für die Einfuhr in Neuseeland zu viel Alkohol an Bord und man glaubt es kaum, bis auf eine Flasche Rotwein (die war für die Ankunft in NZ) war dem Skipper auf der KISU der Alkohol ausgegangen. Während die Männer an ihren Steuern sassen und möglichst gefühlvoll durchs Wasser tuckerten, hangelten Susanne und die Bordfrau über die jeweilige Reling, um die mit Hochprozentigem gefüllten Taschen hinüber zu reichen bzw. in Empfang zu nehmen 😊

Insgesamt drei Tage motorten wir ununterbrochen, bis am Morgen des 06. Novembers zum Sonnenaufgang Aotearoa, übersetzt „das Land der langen weissen Wolke“, am Horizont auftauchte. Bei ruhiger See laufen wir nach neun Tagen ab dem Minerva Reef in Opua ein. Insgesamt brauchten wir 14 Tage von Tonga nach Neuseeland mit drei Übernachtungen auf dem Minerva-Riff und einem anschliessenden 250 Seemeilen grossen Umweg um den Trog. Aber letztendlich können wir uns wirklich nicht beschweren und sind froh, die Strecke so gut und ohne Probleme hinter uns gebracht zu haben.

Um 10:00 Uhr legten wir KISU am drittletzten Platz am Customs-Pier an und somit konnten genau noch LANI und SERENITY reinrutschen und dann war der Steg mit 20 Booten gefüllt. Der Customs war schnell durch und auch das Gespräch mit einem Offiziellen Beamten absolvierte der Skipper erfolgreich. Der Drogenhund kam nicht auf unsere KISU, scheinbar hat ihn das Kätzchen in unserem Schiffsnamen zu sehr verwirrt 😉 Alle Einreiseformalitäten hatten wir bis um 11:00 Uhr durch, ausser die der Bio-Tante sprich die Biosecurity. Um 14:00 Uhr entschieden der Skipper und die Bordfrau es wäre jetzt Zeit für den Anleger-Wein und bis dann endlich um 16:00 Uhr die Bio-Tante auf unser Boot kam, waren wir doch ein klein bisschen angeschickert. Schliesslich hatten wir auch keine Lebensmittel mehr an Bord, um etwas im Magen zu unterlegen, da das nur Probleme mit der Bio-Tante nach sich hätte ziehen können. Die Dame war dann aber sehr nett, war mit allem auf KISU sehr zufrieden und sogar so grosszügig, dass ich meine gesammelten Muscheln und Korallenstückchen mit dem Hinweis, dass ich in Zukunft keine mehr sammeln soll, behalten durfte.

Und so liegen wir jetzt hier im Hafen von Opua an einem ruhigen Platz und lassen es ein bisschen sacken, dass wir am Endziel dieses Jahres angekommen sind. Täglich treffen immer weitere Schiffe hier ein und fast jedes Schiff erinnert uns an eine Destination die wir angelaufen sind und wie wir die Personen zu den Schiffen kennengelernt haben.
Komisch eigentlich, denken wir auf einmal, wir laufen hier in grau verwaschenen T-Shirts, Hosen mit abgeschnittenen Beinen und in heruntergetretenen Bootsschuhen herum. Für segelnde Wandervögel ist die Vergangenheit, Herkunft oder frühere Betätigung bedeutungslos. Wir sind alle Kollegen, Blauwassersegler, haben die gleichen Ziele, machen die gleichen Erfahrungen. Egal ob du Fliesenleger, Blumenzwiebelzüchter, Direktor, Lehrer, Arzt, Sozialhelferin, Modedesignerin oder Doktor in Astrophysik warst. In diesem Moment, in diesem Leben ist unser Beruf Langstreckensegler und Wanderer. Die Freiheit ist unser Lohn.

Glaubt bloss nicht, dass wir nun gar nichts mehr tun würden, denn KISU benötigt dringend ein paar Streicheleinheiten, welche sie wohldosiert täglich bekommt. Auch die KISU-Crew gönnt sich hier wieder ein/zwei Bierchen, oder Erdbeeren mit Schlagsahne, Blumenkohl der keinen Monatsgehalt kostet, göttlichen Cappucino, Frischfleisch welches nicht drei Monate in der Kühltruhe lag und auch ab und zu mal einen Sundowner im Yachtclub.
Ausserdem werden wir natürlich hingebungsvoll beobachten wie die Kiwis leben und zu guter Letzt haben wir da ja auch noch ein paar Flugtickets in die Heimat für Ende Dezember 😊

Gaby