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Die Tuamotus sind die weltgrösste Ansammlung von Atollen, die sich über mehr als 800 Seemeilen quer durch den Pazifischen Ozean erstrecken und aus rund 80 Ringriffen besteht.
Ein Atoll entsteht über viele Millionen von Jahren. Erst erwächst rund um eine vulkanische Insel ein Saumriff. Mit der Zeit trägt der Wind immer mehr Sand von der Insel in der Mitte des Riffs ab bis sie über die Jahrhunderte hinweg im Meer versunken ist. Was übrig bleibt, ist eine Lagune. So gesehen markiert jeder der Ringe das Endstadium einer Insel. Im Vergleich dazu stecken die Marquesas hingegen noch im Anfangsstadium.

Nach einer recht lockeren Überfahrt kommen wir am Montagmorgen früh vor dem Pass (Lücke im Korallenring zur Einfahrt in die Lagune) des Raroia-Atolls an. Etwas zu früh, denn die sogenannte Slack time (Stillwasser) ist erst um 11:00 Uhr also in zwei Stunden. Die Ein- oder Ausfahrt in ein Atoll ist leider nicht so einfach wie eine Insel anlaufen/verlassen, wo man einzig darauf schaut, dass es bei Tageslicht wesentlich angenehmer ist. Da so ein Atoll über den Pass die Ebbe und Flut reguliert, kann es da durchaus heftige Strömungen in dieser Einfahrt geben. Daher gilt es einerseits zu wissen, wann ist Flut (das Wasser läuft in das Atoll) oder Ebbe (logischerweise läufts nun raus sollte man meinen ist aber auch nicht immer der Fall), andererseits soll während oder eine Stunde oder auch mal zwei Stunden vor/nach dem Hoch-, bzw. Niedrigwasser die beste Möglichkeit zum hinein- bzw. herausfahren sein, wenn grad keine ’steile Welle‘ zu sehen ist und auch sonst keine ‚Waschküchenwellen‘, einfach dann, wenn die Tide kehrt weil dann Stillwasser ist. Zudem benötigt man noch Sonnenschein und das vorzugsweise von hinten damit man allfällige Untiefen bestens von Auge ausmachen kann. Alles soweit klar? Macht nichts, wir verstehen es auch im zweiten Atoll noch nicht.

Doch zurück zum Raroia-Atoll. Da zu der Zeit wo wir vor dem Pass draussen warten, grad eine ganze Armada amerikanischer Katamarane aus dem Atoll herausfährt, ergreifen wir die Gelegenheit und fahren hinein. Alles Bestens, eine kleine Strömung von zwei Knoten zusätzlich schiebt uns sanft hinein. Drinnen können wir einer mit grünen und roten Bojen versehenen Fahrbahn ins Dörfchen Garumaoa folgen und werfen den Anker neben dem Pier in türkisblaues Wasser. Den Rest des Tages geniessen wir die schöne Aussicht, der Skipper schnorchelt ein bisschen um KISU herum und wir lassen den Tag geruhsam ausklingen.

Der nächste Tag beginnt mit einer Motorbootauswasserung der besonderen Art. Nicht alle Tage sieht man, dass ein Feuerwehrauto den Trailer mit dem Boot darauf aus dem Wasser zieht. Aber wahrscheinlich ist dies mit Abstand das stärkste Gefährt an Land. Daneben sehen wir nur einzelne kleine Autos. Umso überraschter sind wir, als wir vor dem Aeroport de Raroia stehen. Ganze zwanzig Parkplätze sogar mit einem Behindertenparkplatz gibt es vor dem kleinen zugigen Flughafengebäude. Wir glauben nicht, dass es genügend Autos in diesem Dorf gibt, um diese Parkplätze zu füllen. Auch nicht, wenn alle inklusive dem Feuerwehrauto quer parkieren würden 😉
Wahrscheinlich gibt es in Frankreich ein Gesetz, welches eine Mindestzahl an Parkplätzen zu einem Flughafen verlangt.
Die Kirche hingegen hat uns begeistert. Mehr unter freiem Himmel kann man während dem Gottesdienst nicht sitzen. Einfach bezaubernd und dazu noch die Füsse im warmen Sand. Ansonsten ist das Dörfchen schnell abgelaufen und trotzdem finden wir den Einkaufsladen nicht allein. Ein Junge auf seinem Fahrrad begleitet uns dann zwischen den Häusern hindurch wo wir uns nicht getraut hätten hindurchzulaufen, da es nach Vorgärten ausgesehen hat. Der kleine Laden hat einiges anzubieten aber eben halt keine Frischwaren wie Früchte, Gemüse oder Fleisch. Dafür sind die Öffnungszeiten optimal: wenn Kundschaft kommt wird aufgemacht. Der Ladenbesitzer wohnt gleich neben dem Laden, und neben wird hier wortwörtlich genommen: hinter der Kasse schaut man gleich in sein Schlafzimmer mit ungemachtem Bett. Lebensmittelkontrolle sieht man hier völlig entspannt 😊 Vom Ladenbesitzer erfahren wir auch, dass ein Versorgungsschiff am Nachmittag kommen wird und wir dann vielleicht ein bisschen zur Seite müssten mit KISU. Kein Problem, wir wären dann an Bord. Auf dem Plotter sehen wir das AIS-Signal vom Frachter auch recht pünktlich sich dem Atoll nähern, aber vor dem Pass bleibt das Schiff stehen. Weshalb es bis am nächsten Morgen nicht hereinkommt, sondern draussen ankert entzieht sich unserer Kenntnis. Egal, ein Fahrplan wird hier eh nicht so eng gesehen, sondern eher als ungefähre Richtwerte von der möglichen Woche im betroffenen Monat betrachtet 😉 Im Laufe des Vormittages fährt das Versorgungsschiff doch noch hinein und es ist dann schon speziell, wenn du über Funk ‚Sailing vessel KISU, Sailing vessel KISU, Sailing vessel KISU this is NUKUHAU, Over‘ hörst. Wir wurden höflich gebeten Platz zu machen und so ergriffen wir die Gelegenheit, in den Norden des Raroia-Atolls zu verlegen. Dort gibt es ausser der Riffkante mit Palmen drauf, Sandstrand sowie türkisfarbenem Wasser nichts, aber genauso stellen wir uns die Südsee vor.

Nun fährt man in der Lagune eines Atolls vorzugsweise mit Sonnenschein umher (nicht vergessen: Sonne von hinten) und nicht unbedingt schnell, damit man die unzähligen Korallenriffe welche teilweise sogar über dem Wasser liegen können auch Bestens erkennen kann. Das bedeutet, die Bordfrau steht während der Fahrt seitlich an Deck oder gar im Bug vorne und hält Ausschau nach den Riffen. Der Skipper währenddessen am Steuer schaut zwischendurch auf die Karte im Raymarine-Plotter (welcher die Riffe erstaunlich gut anzeigt) und meldet der Bordfrau: ‚ein Riff links, zwei Riffe rechts…‘ und sie bestätigt die Erkennung derselben. Bereits nach kurzer Fahrt durch dieses (wir nennen es) Minenfeld, entdeckt die Bordfrau ein Riff welches nicht eingezeichnet und KISU keinesfalls überfahren darf. Also Rückmeldung an Skipper: ‚Riff vorne rechts‘ und Skipper korrigiert somit den Kurs nach links. Nach zwei Stunden Fahrt sind wir am nördlichen Ende des Atolls angelangt und der Anker wird in puderfeinen weissen Sand eingegraben. Da bleibt er auch die nächsten zwei Wochen unberührt liegen, denn wir geniessen das pure Leben in so herrlicher Umgebung.

Am dritten Tag kommen OLENA und SERENITY für zwei Tage ins Raroia-Atoll bei starker Bewölkung. Der Skipper lotst die beiden Schiffe dank AIS-Signalen der Boote anhand von unserer Tracklinie auf dem Plotter durchs Minenfeld sicher hindurch. Als sie uns wieder verlassen, beginnen wir unsere Tage mit Schnorcheln oder Spaziergängen an Land wo wir auch endlich die ersten Kokosnüsse sammeln und selbst öffnen. Lasst es euch gesagt sein: so eine Nuss aus ihrer äusseren Hülle heraus zu kriegen ist eine anstrengende Sache. Nachdem der Skipper die ersten Funde noch mühsam mit Axt und Messer geöffnet hat, ist er inzwischen zur Variante mit dem akkubetriebenen Vibrationsschleifer übergegangen, was die Dauer des Öffnens erheblich verkürzt 😊
Die Spaziergänge über das Ringatoll sind nicht ganz schmerzfrei für die Fusssohlen obwohl wir Schuhe tragen (und das auf der Barfussroute). Der Boden besteht neben den Palmenwäldchen und dem Sandstrand ausschliesslich aus mehr oder weniger grossen, versteinerten, losen Korallenstücken, über die man nun eher stolpert, statt elegant darüber zu balancieren. Es ist optisch aber so überwältigend schön, dass wir uns das immer wieder gerne antun.

Das Schnorcheln an den Korallenriffen ist natürlich ein weiteres Highlight hier in den Tuamotus. Die Korallen sind erstaunlich intakt, sogar besser als in den Malediven wie uns Alex und Carla von der ARI B erklärt haben. Und sie müssen es wissen, haben sie doch mehr als zehn Jahre auf den Malediven gelebt. Die Korallen sind Heimstätten für viele bunte Fische und die witzigen Riesen-Muscheln sind ein Schauspiel für sich wie sie sich beim Näherkommen verschliessen, um dann wieder ganz langsam aufzuklappen so nach dem Motto: ist er noch da? Falls ja, sofort wieder zuklappen. Begleitet werden wir auf unseren Schnorchelgängen von unserem neuen Haustier, einem Schwarzspitzenriffhai. Da der Hai so gerne in der Nähe des Skippers ist gehen wir davon aus, dass es sich um eine Sie handelt und so haben wir sie ‚She‘ getauft. Sie kurvt auch öfters mal um KISU rum so als würde sie nach dem Skipper Ausschau halten. Selbst wenn wir an Land gehen, hat ‚She‘ uns schon neben dem Dinghy begleitet.

Eine grössere Ansammlung von Schwarzspitzenriffhaien haben wir bei einem Strandspaziergang erlebt. Zugleich fanden wir einen gestrandeten Oktopus und der Skipper fand, er könne die Krake doch den Haien zur Vorspeise zukommen lassen. Mit Hilfe eines Astes wurde der Oktopus ins Wasser geschleudert, worauf die Haie natürlich sofort angesaust kamen. Statt das es nun ein blutiges Gemetzel gegeben hat, wurde das Wasser blitzartig schwarz gefärbt und pfeilschnell schoss der Langarmige aus dem Tintengewühl heraus in die Freiheit. Die Haie haben sicher noch fünf Minuten den Tintenfleck immer wieder durchschwommen, währenddessen sich Oktopussy heimlich wieder Richtung Land ins ganz seichte Wasser geschlichen hat.

Diese zwei Wochen waren genau das, was wir uns immer erträumt haben. Autark, bei angenehmen Windbedingungen, viel Sonnenschein, türkisfarbenes klares Wasser, weissen Sandstränden und sich im Wind wiegender Palmenkulisse in den Tag hineinleben. Es wurde natürlich auch gearbeitet beziehungsweise irgendetwas ist ja immer zu reparieren. Unter anderem musste der Skipper einen Ölwechsel am Hauptmotor durchführen, weil plötzlich Wasser im Getriebeöl war ☹

Aber hier wurde die Pflicht plötzlich nebensächlich (was auch die Verzögerung des neuen Blogs nach sich zog), wenn man dafür an den Strand oder ins Wasser gehen konnte. That’s life!

Gaby