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Was haben wir doch Bonaire noch genossen – na ja, die Bordfrau etwas mehr als der Skipper. Während Sie den immer wiederkehrenden Sprung ins klare Wasser Zwecks schnorcheln nicht missen mochte, hockte der Skipper tatsächlich oft an Bord und beschäftigte sich mit dem Ersatzautopiloten, welcher kleiner Installationen an KISU bedurfte und ein bisschen in Form gefeilt werden musste damit er perfekt auf die Pinnensteuerung passte. Verstehe ja, dass das auch gemacht werden musste, aber doch nicht am Tauch-Hotspot Nr. 3 der Welt. Die wunderbare Unterwasserwelt konnte schon verzaubern. KISU hatte sein eigenes Kaiserfisch-Pärchen, welches bis auf Armeslänge immer sofort auf die Bordfrau zu schwamm sobald sie hinter dem Schiff ins Wasser glitt. Ganze Fischschwärme und sogar eine Seeschlange konnte sie beobachten; natürlich mit gebührendem Abstand 😉
Aber wie das so ist, alles Schöne hat auch irgendwann ein Ende. Nachdem wir zwei Wochen lang die Wettersituation eingehend beobachtet hatten entschieden wir am Sonntagmorgen dem 03. März uns auf den Weg nach Panama zu machen. Freunde hatten uns vorgewarnt, dass man auf der Strecke zwischen Kolumbien bis Panama in eine teilweise sehr windige Gegend mit heftigen Wellen geraten könne. Als dann die Vorhersage nur mehr von 30 Knoten Wind in den Böen sprach, war dies für uns der Moment die schöne Insel Bonaire zu verlassen.

Vor uns lagen 740 Seemeilen welche wir in fünf Tagen und Nächten auf See hinter uns bringen würden.
Die Überfahrt begann wie schon gewohnt mit den üblichen Startschwierigkeiten die wir hier nun wirklich nicht mehr aufwärmen beziehungsweise uns noch mal durch den Kopf gehen lassen wollen. In flottem Tempo zog das Grosssegel im ersten Reff uns mit sieben Knoten Geschwindigkeit gen Westen und nach den ersten zwei Tagen wollte sich grad langsam die Bordroutine einstellen. Trotz der inzwischen beachtlichen 3 Meter hohen Wellen, die immerhin meist von Hinten kamen, schafften wir es, dass nicht allzu viel durch die Gegend sprich auf KISU rumflog. In der dritten Nacht nahmen Wind und Welle nochmal etwas zu und da wir nun das Gross auf der linken Seite fuhren (ja, ja, ich weiss das heisst backbordseitig) wurde unser Leesegel (damit wir nicht aus dem Bett fallen unterwegs) arg beansprucht. Ob es nun an einer besonders hohen Welle oder an der längst überfälligen Diät der Bordfrau lag – es riss die eine Halterung (immerhin nur aus Kunststoff 😊) des Leesegels und dadurch bildete sich ein fast siebzig Kilogramm schweres lebendes Wurfgeschoss, welches nun unaufhaltbar quer durch KISU der gegenüberliegenden Bordwand zu raste. Zum Glück wurde die Geschwindigkeit der Bordfrau durch den Aufprall des Kopfes am Boden und dem Ellenbogen an der Bordwand gestoppt, kurz nachdem sie den Oberschenkel noch saftig an der Tischkonsole vorbei geschrammt hatte. Stell sich einer vor, der Skipper hätte sich zu der Zeit nicht im Cockpit auf der Wache befunden, sondern wäre vielleicht grad durch den Salon Zwecks Logbuchführung gelaufen. Das menschliche Geschoss hätte ihn förmlich von den Beinen gerissen. Hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken lag die Bordfrau jammernd und das Leesegel verfluchend am Boden, während der Skipper sich sofort an die Reparatur der defekten Halterung machte. Erfolgreich nach kurzer Zeit war mit Hilfe von diesmal einer Metallhalterung und Kabelbindern die ‘Ausdembettfallverhinderung’ repariert. Indessen, die Bordfrau traute dem Ding nicht mehr und entschied sich auf dem Boden zu schlafen. Da kann frau nicht mehr weit runterfallen. Der Skipper schleppte also aus der Gästekabine eine Matratze in den Salon damit die Bordfrau etwas bequemer liegen konnte. An Wachablösung in den nächsten Stunden durch Madame war grad nicht mehr zu denken, erst mussten sich die schmerzenden Stellen etwas erholen. Dieser Sturz sollte jedoch nur der Beginn einer Verkettung unglücklicher oder vielleicht auch zu späten Entscheidungen werden.
Der doofe Wind hielt sich nicht an die Wettervorhersage und fand das könne er noch besser. Dadurch mussten wir (zu spät) das nächste Reff einbinden sprich das Segel verkleinern. Geht ganz easy bei fast 40 Knoten Wind und fünf Meter hohen Wellen ☹ Nach gefühlten dreissig Minuten war das zweite Reff drin und die Bordfrau schleppte sich wieder auf die Matratze hinunter. Keine halbe Stunde später kam vom Skipper erneut der Befehl: wir müssen noch mehr reffen. Ja klar doch; die schmerzenden Knochen wieder eingesammelt und ins Cockpit gehievt und erneut reffen bei inzwischen nur noch 43 Knoten Wind! Immerhin war von da an kein Kommando mehr vom Skipper zu vernehmen, er liess die Bordfrau sogar bis zum Morgengrauen schlafen. Bei Tageslicht stellte er dann jedoch mit Entsetzen fest, dass sich aus irgendeinem Grund die dritte Reffleine gelöst hatte und somit das Segel sich um den Mast wickelte. Dabei sind drei von vier Segellatten im Grosssegel gebrochen wovon die oberste Segellatte sich komplett ins Meer verabschiedet hatte. Netterweise war auch noch die eine Seite des Lazyjacks gerissen so dass das Segel beim Herablassen sich natürlich aufs Deck statt in den Lazybag ergoss. Kein Problem, da muss der Skipper nur aufs Vordeck gehen und dort das handliche kleine Segel von 50 Quadratmetern mit Leinen an den Baum festbinden. Immerhin waren es auch ‘nur’ noch 35 Knoten Wind und die Wellen hatten sich bei 4 Metern eingependelt. Keine Ahnung wie, aber der Skipper hat das Segel gebändigt und es natürlich auch geschafft festzubinden. Seinen Schutzengel hat er in der Zeit aber echt ackern lassen und die Bordfrau hat mal wieder gelernt zu beten. Nach ca. einer halben Stunde war der Skipper heil wieder im Cockpit hinten und hatte sich nun eine Ruhepause mehr als verdient.
Meinten wir.
KISU war nun ja unter Motor unterwegs und währenddem der Autopilot seinen Dienst versah konnten wir uns unter Deck etwas erholen. Bis etwa zwei Stunden später plötzlich ein Alarm aus dem Cockpit ertönte. Was den nun noch! Der Autopilot hat den Dienst quittiert, sprich sich schlicht und einfach geweigert noch zu arbeiten. Himmelherrgottnochmal, nimmt denn diese Nacht/dieser Tag kein Ende!
So, und nun wurde der Skipper zum gefeierten Helden. Während die Bordfrau bekanntlich auf Bonaire nur ihrem Vergnügen nachgegangen war und ab und zu kopfschüttelnd den Skipper aufgezogen hatte warum er lieber am Ersatzautopiloten rumbastle, statt zu schnorcheln, wurde sie jetzt ausnahmsweise still. Während die Bordfrau KISU von Hand steuerte montierte der Skipper mit geübten Handgriffen den Ersatzautopiloten. Und was soll ich sagen: das Ding verrichtete die nächsten zwei Tage seine Arbeit mit schweizerischer Präzision dank deutscher Ingenieurskunst 😊 Ralph, wir können dir gar nicht genügend danken für deine grossartige Arbeit.
Nachdem die Bordfrau ‘nur’ ungefähr zwanzig Minuten von Hand steuern musste war sie bereits fix und fertig und hatte am nächsten Tag entsetzlichen Muskelkater. Ab jetzt weiss sie so einen Autopiloten gleich doppelt zu schätzen und Skipper: ich kann dir nichts versprechen aber ich werde in Zukunft versuchen mich zurück zu halten, wenn ich dich schon wieder kritisieren will.

Zum Glück verlief der Rest der Fahrt ohne weitere Zwischenfälle und als wir am Freitagmorgen in der Bucht vor Portobelo in Panama gleich neben PICO, dem Schiff unserer Freunde Sandra und Andreas den Anker fallen liessen waren der Skipper und die Bordfrau noch selten so happy gewesen eine Fahrt überstanden zu haben. Und doch hat der Skipper einmal mehr sein Talent bewiesen aus jeder noch so besch…eidenen Situation das Beste zu machen. Weil sind wir doch mal ganz ehrlich: ohne den Skipper, ohne unsere Schutzengel und ohne den Ersatzautopiloten wäre die Bordfrau ganz schön aufgeschmissen gewesen 😉

Nach der allgemeinen Schadensbegutachtung durch den Skipper am nächsten Tag können wir schon mal vermelden, dass es nicht gar so im Argen liegt wie wir erst befürchtet hatten. Das Segel wird bis Dienstag vom hiesigen Segelmacher repariert werden und nachdem wir in der Motorbilge ziemlich ölhaltiges Wasser vorgefunden haben, scheint der Autopilot wegen einer undichten Stelle irgendwo sein gesamtes Hydrauliköl verloren zu haben. Leider ist beim Autopiloten auch die Verbindung vom Hydraulikkolben zum Ruderquadranten gebrochen. Diese neu zu beschaffen wird dem Skipper sein Hauptanliegen in den nächsten Tagen sein.
Die Blessuren der Bordfrau heilen täglich etwas mehr und rückblickend gesehen kann man die vergangene Fahrt bereits entspannter betrachten. Oder wie es Cosima von der TRITON mal so schön formuliert hat: jeder Zwischenfall ergibt immerhin einen interessanten oder lustigen Blogeintrag im Nachhinein.

Für alle Segler, die nach uns die Fahrt an Santa Martha vorbei nach Panama noch machen werden: seid vorsichtig, refft lieber etwas zu früh und viel Glück.

Gaby